Chapter 01
„Hey Mädels! Nun los, macht mal hin, wir haben nicht mehr so viel Zeit!“, trieb Tess ihre Schützlinge an.
„Mach mal ruhig, wir haben noch immer genug Zeit.“ Entgegnete ihr die Gitarristin. Tess konnte nur den Kopf schütteln. Würde sie Lenna nicht schon so lange kennen, hätte sie ihr vermutlich nicht nur einmal längst den Kopf abgerissen oder sie auf den Mond geschossen. Doch so wie Lenna sich nicht drängen ließ, Rey wie immer die Erste war und Jean in wenigen Sekunden fertig, seufzte sie nur. „Ihr wißt heute ist ein wichtiger Tag für euch. Also tut mir einen Gefallen und reißt euch zusammen, vor allem du, Lenna!“
„Bin ich denn nicht immer lieb“, grinsten Angesprochene frech.
„Nein!“, kam die Antwort im Chor. Lenna zuckte nur mit den Schultern und hatte weiterhin mit ihrem Eyeliner zu tun. Rey, seit mindestens 10 Minuten bereits startklar, wartete mit der Managerin auf ihre Kollegen.
„So, ich bin fertig!“, gab Lenna schließlich von sich und räumte ihr MakeUp zusammen.
„Wurde ja auch endlich Zeit. Wie kann man nur so lange brauchen für das bißchen MakeUp?!“, zog Jean ihre Freundin auf. Grinsend legte Lenna einen Arm um die Vokalistin und grinste sie an.
„Kann ja nicht jeder so schludrig mit seinem Aussehen sein wie du!“ Als Reaktion hatte Lenna einen Ellenbogen in den Rippen und nun endlich fertig gingen sie geschlossen ihrer neuen Zukunft entgegen.
„Guten Tag! Ich bin Keita Nagouru!“, stellte sich der Journalist verbeugend vor. Die vier begrüßten den recht jungen Herren und nahmen schließlich ihm gegenüber platz. Nachdem alle Höflichkeitsfloskeln schließlich gesagt waren, kam er auch sofort auf den Punkt. Er schaltete sein Diktiergerät ein und stellte es auf den Tisch. „Ich befinde mich grade in der Gesellschaft der aufsteigenden Band Lilith le Fay, was übrigens ein sehr interessanter Name ist. Doch dazu später mehr. Dürfte ich sie bitten, dass sie sich kurz vorstellen?“
„Ich bin Jean, die Vokalistin.“
„Ich bin Rey, Drums.“
„Lenna, Gitarre.“ Etwas irritiert von Lenna’s kühler Art warf er ihren Kolleginnen fragende Blicke zu, die jene einfach übergingen. Tess unterdessen klatschte sich innerlich die Hand gegen die Stirn. Lenna konnte es einfach nicht lassen.
„Nun ist es endlich so weit. Ihre erste Tour in Japan steht an. Wie kamen sie dazu ausgerechnet hier zu beginnen?“
„Nun, wir hatten schon immer ein Faible für den asiatischen Bereich. Was wohl auch einer der Gründe ist, warum wir nun auch hier sind.“, erklärte Jean.
„Und was wäre ein Weiterer?“, hakte Keita nach.
„Nun, in Deutschland sind wir bereits erfolgreich gestartet, doch so wirklich hielt uns da nichts. Wir wollten international werden.“, ergänze Rey die Aussage ihrer Freundin.
„Das ist dann ja auch gelungen!“, gab Keita leicht lächelnd von sich, bevor er fortfuhr: „Ihr Style ist ja auch etwas Besonderes. Wie kamen sie dazu? Oder läuft in Deutschland jeder so rum?“
„Nun, ich denke, jeder von uns bringt seinen Teil mit ein, wenn es um die Outfits geht. Wir machen eigentlich alles zusammen, und jede Entscheidung, egal ob nun Outfit oder Sonstiges fällen wir gemeinsam.“
„Also kann man sagen, euer Outfit ist eine Kombination aus euch dreien?“
„Ja, obwohl Lenna die meisten Ideen dazu einbringt!“, antwortete Jean lachend. Nun wandte sich der Journalist der Gitarristin zu.
„Woher nehmen sie denn ihre Inspirationen? Denn eure Outfits sind nun doch recht ausgefallen.“
„Und das sagt jemand, der in Japan groß geworden ist.“, stellte Lenna nüchtern fest, bevor sie auf seine Frage antwortete. „Ich habe eigentlich keine besondere Quelle. Ich entscheide und handle aus dem Bauch heraus. Manchmal geht’s daneben, manchmal nicht.“
„Und wie ist das bei den Songs? Ich meine, es ist ja erstaunlich. Denn von Anfang an habt ihr eure Songs auf Japanisch raus gebracht. Hat das einen besonderen Hintergrund?“
„Ich glaube, ich spreche im Namen von uns drei, wenn ich einfach behaupte, es ist eine der schönsten Sprachen der Welt. Im Japanischen hat man viele Interpretationsmöglichkeiten und so bleibt es jedem frei den Text aufzufassen.“, antwortete nun auch Rey. Verstehend nickte Keita.
„Das ist dann wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum eure Songs so verschieden sind. Bevor ich herkam habe ich mir euer erstes Album angehört was ihr veröffentlicht habt. Es trägt den Titel ‚Grenzen’ und kein Lied ist einem Anderen ähnlich. Wie schafft ihr es, so unterschiedliche Songs zu verfassen, ich meine, man kann euch ja nicht in eine bestimmte Richtung einordnen. Neben Rock fließen ja auch Elemente von Pop, Gothic und Metal mit ein.“
„Da nicht nur ich die Songs schreibe, sondern wir alle drei sind dementsprechend ja auch unsere Gedanken darin enthalten. Wir drei haben unterschiedliche Leben geführt bevor wir uns zusammen gefunden haben. So konnte jeder seine individuellen Erfahrungen sammeln. Diese spiegeln sich schließlich auch in unseren Songs wieder.“, gab Jean von sich.
„Wenn ich das jetzt richtig verstehe schreibt jeder von euch die Texte?“ Keita war erstaunt. Meist war es ja so, dass die Bandmitglieder die Melodie verfaßten, der Sänger aber selbst sich um die Texte kümmerte.
„Ja, ich denke, es ist nur gerecht wenn jeder von uns das ausdrücken kann was er denkt und fühlt.“, ergänzte Jean ihre Aussage.
„Trifft das auch auf euren Bandnamen zu? Was genau steckt hinter ‚Lilith le Fay’?“ Synchron blickten Rey und Jean zu Lenna.
„Er zeigt das, was jeder von uns ist. ‚Lilith’ kommt ursprünglich aus dem hebräischen und bedeutet ‚die Nächtliche’. Es wird gesagt, dass Lilith die erste Frau Adams war, genau wie er aus Erde geschaffen. Doch sie wollte ihm gleichgestellt sein und stritt mit ihm. Im Zorn sprach sie den Namen Gottes aus und flog davon, so wurde sie zum Dämon. ‚Le Fay’ hingegen ist eine Ableitung von Feie, was soviel wie ‚Fee’ bedeutet. Feen sind von besonderer Schönheit und Heiterkeit, sind alterslos und bringen den Menschen Glück, ihr Wesen verkörpert also das Gute Prinzip. Kurzum, unser Name spiegelt die Seiten der Menschheit wieder, die jeder in sich trägt. Das Alte Klischee von Gut und Böse sozusagen.“, schloß Lenna ihre Erklärung. Noch immer ihr Pokerface verzog sie keine Miene.
„Dennoch ist er doch recht außergewöhnlich.“ //Was sonst du Depp//, doch Lenna behielt ihre Gedanken lieber für sich.
„Nun wollen eure Fans aber auch noch etwas über euch erfahren. Ihr drei stammt ja aus Deutschland, seit da aufgewachsen und habt dort gelebt. Wie ist es, so weit von zu Hause entfernt zu sein?“
„Klar ist es manchmal hart. Man kann seine Familie nicht immer sehen wenn man will, doch dafür haben wir uns. Ich denke, wir sind uns gegenseitig eine Art Familienersatz geworden.“, erklärte Rey ihre Ansicht.
„Dann gibt es doch auch bestimmt Meinungsverschiedenheiten?“
Jean: „Die gibt es oft, allein Lenna treibt uns manchmal mit ihrem Temperament zum Wahnsinn. Doch genauso schnell wie sie aufbraust, regt sie sich auch wieder ab. Man muß halt wissen, wie man miteinander umzugehen hat. Wir alle nehmen in der Hinsicht kein Blatt vor den Mund und wenn einem etwas nicht paßt, dann spricht er es auch aus. So gibt es zwar verschiedene Ansichten, doch finden wir immer irgendwo einen Kompromiß.“ „Wie lange kennt ihr euch denn schon?“
Lenna: „Tess, also unsere Managerin und ich kennen uns knapp 13 Jahre, sind also zusammen groß geworden und wenn ich richtig schätze und mich recht erinnere ist es bei Rey und Jean in etwa genauso.“
„Japp“, stimmten beide zu.
„Und wie habt ihr vier euch denn kennen gelernt?!“ Jean musste grinsen.
„Übers Internet!“, lautete ihre knappe Antwort. Keita bekam große Augen.
„Wie übers Internet?!“
„Eines Tages hat Lenna mich einfach angeschrieben und ich antwortete ihr. Daraufhin verblieben wir in Email-Kontakt. Wir merkten, dass wir auf einer Wellenlänge sind und freundeten uns immer mehr miteinander an. Irgendwann haben wir uns dann auch mal getroffen. Naja, und dann hat halt auch nicht viel gefehlt und wir vier fanden uns zusammen.“ Keita bedachte Lenna mit einem skeptischen Blick. Er konnte sich kaum vorstellen das diese ‚kalte’ Person auf andere Leute einfach so zuging. Aber das konnte ja auch alles Image sein. Also schob er den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf seinen Job.
„Das heißt also, dass ihr vier von Anfang an zusammen wart?“
„Sozusagen, ja.“ Jean, der Sonnenschein, grinste fröhlich und heiterte die Atmosphäre so etwas auf. Tess war sichtlich erleichtert, das Lenna nicht ganz soviel von sich gab, denn da wäre bestimmt nicht allzu viel Nettes bei raus gekommen. Ein Blick auf ihre Armbanduhr und sie atmete erleichtert auf. Noch knapp 10 Minuten, dann wäre das Interview vorbei und sie würden zum Soundcheck gehen.
„Okay, dann eine letzte Frage noch. Gibt es etwas was ihr euren Fans mitteilen möchtet?“
Jean: „Kommt und genießt die Show, sie ist nur für euch!“
Rey: „Wir werden alles geben!“
Lenna antwortete mit düsterer Stimme: „Jetzt ist unsere Zeit gekommen…“
„Dann danke ich ihnen allen für das Interview, dass sie sich Zeit dafür genommen haben und wünsche ihnen für ihre bevorstehende Tour alles Gute!“ So verabschiedeten sie sich voneinander und kurz darauf war Keita auch verschwunden. Als die Tür ins Schloß fiel grinste Jean Lenna an.
„Du warst ja mal wieder die Liebe in Person.“
„Ich mag ihn nicht.“ Noch immer konnte die Gitarristin ihr Pokerface nicht ablegen und so griff Jean an ihre Wange und zog.
„Hey, vor uns mußt du nicht so cool tun, wir kennen dich mein Schmusetiger.“ Da jeder wusste, wie sehr Lenna solche Kosenamen gefielen grinsten alle drei. Nur Betroffene war davon nicht begeistert und fauchte ein ‚Urusai!’ bevor sie sich erhob.
„Los kommt, ich will endlich zum Soundcheck. Oder wollt ihr hier noch länger abgammeln?“
